Mittwoch, 6. Juni 2018

Offener Brief an Reinhard Grindel

Sehr geehrter Herr Grindel,

Sie haben sich jüngst in Ihrer Funktion als DFB-Präsident - wieder einmal - zum Thema e-Sports geäußert. Dabei haben Sie diesen unter anderem als "absolute Verarmung" bezeichnet.

Wie auch immer Sie dies konkret gemeint haben mögen ist für mich sekundär. Diese Darstellung des e-Sports im Speziellen und des Gamings im Allgemeinen ist im jeden Fall herabsetzend, entwürdigend und beleidigend für Millionen Spielerinnen und Spieler in Deutschland - und sie ist inhaltlich falsch.

Der e-Sports begeistert Menschen auf der ganzen Welt, durch alle Ethnien, Religionen, Staaten und Kulturen. Er findet sich von Japan bis in die USA, von Schweden bis nach Australien. Er schweißt die Menschen zusammen und überwindet Grenzen und geistige Barrieren.

Darüber hinaus ist er fordernd, vor allem auf Leistungssportniveau. Er setzt ein hohes Maß an Koordination sowie taktischem und strategischem Vermögen voraus, beansprucht diverse Hirnregionen sowie Muskelgruppen und fördert das Teamplay.

Ich kann das auch konkret an mir selbst festmachen: Ich habe klassischen Sport als Leistungssport betrieben. Ich war mehrfacher Vereinsmeister im Tennis sowie Mannschaftskapitän in meiner Altersklasse. Ferner habe ich Handball in der Jugendmannschaft eines Bundesligisten gespielt und wurde vom Vater eines EHF-Pokal-Siegers und deutschen Meisters trainiert. Daneben habe ich Fußball im Verein gespielt, aber nur aus Spaß. Ich kenne also den klassischen Sport und bin ihm bis heute verbunden.

Ich bin aber auch Gamer. Ich war e-Sportler auf hohem Niveau in unterschiedlichen Genres. Durch diese Zeit habe ich Menschen auf der ganzen Welt kennengelernt: Aus Südkorea, China, Japan, Indien, Kasachstan, den USA, Kanada, Mexiko, Brasilien, Chile, Südafrika und vielen europäischen Staaten. Das war mir im klassischen Sport in dieser Form nicht möglich, dort habe ich in den meisten Fällen mit und gegen Deutsche(n) gespielt. Durch meine aktive e-Sports-Zeit habe ich meine Sprachfähigkeiten geschärft und meine interkulturellen Fähigkeiten verbessert. Ich habe Freundschaften auf dem ganzen Globus geknüpft. Darüber hinaus konnte ich so mein strategisches Denken vertiefen, meine Hand-Augen-Koordination verbessern und meine Teamfähigkeit unter Beweis stellen.

Der klassische Sport ist immer ein Teil meines Lebens geblieben. Ich möchte ihn nicht missen. Aber der e-Sports ebenso - und dieser konnte mir viele Dinge geben, die der klassische Sport mir nie ermöglicht hätte.

Sehen Sie den e-Sports nicht als Gefahr für den Fußball oder andere Sportarten, sondern vielmehr als Chance. Wir sollten nicht gegeneinander arbeiten, sondern unsere Kräfte bündeln und Synergien nutzen. Lieber Herr Grindel, e-Sports ist Sport. Er schafft ein Wir-Gefühl, ist geistig und körperlich fordernd und macht die Welt zu einem Dorf. Sie können sich gegen den e-Sports stellen und versuchen eine Zukunft aufzuhalten, die längst begonnen hat. Oder Sie entschließen sich dazu konstruktiv mit dem e-Sports zusammen zu arbeiten. Wie auch immer Sie sich entscheiden: Der e-Sports ist da und er wächst. Es wäre aber schön, wenn Sie ein Teil davon wären.

Mit freundlichen Grüßen,
Timo Schöber